Es gibt Konfliktursachen. Genau 8.

    28.02.20 17:58 By Philipp Karch

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    • 05_Kap5.0-Analysieren
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    In Phase 1 des Anti-Ärger-Modells (AÄM) hast du erfolgreich deeskaliert, indem du zu innerer Ruhe zurückgefunden hast. Du hast dort insgesamt drei neue Strategien kennengelernt:

    Nun möchtest du wahrscheinlich gern erfahren, wie und wann du Paroli bieten darfst. Denn gelassene Deeskalation soll kein Selbstzweck sein, sondern nur der erste Schritt zu mehr eigener Wirkung. Doch auf ein entschiedenes Auftreten im Außen solltest du noch verzichten. Auch in der zweiten Phase des Anti-Ärger-Modells steht weitere Arbeit mit unserem inneren Selbst an. Beim Umgang mit Ärger ist es wie beim Erlernen des Autofahrens. Wer sich beim Fahren nicht an die Reihenfolge Kuppeln, Gang einlegen und Gas geben hält, der bekommt einen unschönen Gruß vom Getriebe.

    Wer aus Ungeduld die Reihenfolge der Phasen im Anti-Ärger-Modell vertauscht, darf sich nicht wundern, wenn der Erfolg ausbleibt. In der Phase 2, dem Analysieren, kommst du dem Konflikt näher, indem du dich mit der Konfliktursache beschäftigst. Allein ihre Kenntnis mindert dein Unbehagen, und du hast bessere Voraussetzungen, in den anschließenden Phasen den Konflikt auch zu bewältigen. Du wirst dich also mit Fragen beschäftigen wie: Was genau stört dich am Verhalten des anderen? Was fehlt dir in Bezug auf dein Gegenüber?

    Auch hier in Phase 2 heißt es weiterhin: Ruhe bewahren und erst einmal akzeptieren, was ist. Nicht in blinden Aktionismus verfallen und draufhauen, sondern genau hinsehen. Denn deine Aufgabe ist es jetzt, zu verstehen, was sich zugetragen hat. Und damit ist es ein Blick in die Vergangenheit, in die Konfliktentstehung. Es ist die Frage nach dem Warum.

    Du lernst in den nächsten acht Wochen jede Woche eine typische Konfliktursache kennen, die teilweise miteinander verwoben sind und sich dadurch oft nicht so leicht erkennen lassen. Wir schauen sie uns zunächst einzeln an, und betrachten sie anschließend auch in ihrem Zusammenspiel beziehungsweise ihrer Abgrenzung. Um es noch einmal zu betonen: Ziel in dieser Phase ist es noch nicht, den Konflikt zu lösen. Ziel ist es lediglich, die Gründe seiner Entstehung zu verstehen. Die acht Konfliktursachen im Überblick:

    1. Zielkonflikte
    2. Methodenkonflikte
    3. Rollenkonflikte
    4. Ressourcenkonflikte
    5. Bedürfniskonflikte
    6. Glaubenssatzkonflikte
    7. Haltungskonflikte
    8. Kommunikationskonflikte

    Nächste Woche geht es los mit der Ursache-Nummer 1, dem Zielkonflikt. Für alle, die nicht warten wollen, hier schon mal das Hörbuch zu Zielkonflikten:

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    • 05_Kap5.1_Zielkonflikte
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    Es kann gut sein, dass du bei der Umsetzung im Alltag bei allen acht Ursachen mit bestimmten Widerständen konfrontiert wirst. Zwei möchte ich an dieser Stelle bereits erwähnen:

    Widerwille zur Entschleunigung

    Die größte Gefahr ist, dass du dir fürs Analysieren keine Zeit nimmst. Warum auch? Dein Gegenüber nervt gerade extrem – und du sollst stillhalten? Erst aufwendig deeskalieren (Phase 1, siehe Kapitel 4) und dir nun auch noch überlegen, welche von acht Ursachen infrage kommen? Geht’s noch? Dir ist jetzt eher nach Lautwerden, Rumbrüllen, Lospoltern. Bei dem Ärger, der gerade in dir wütet. Verständlich. Und wenn du diesen Reflexen nachgibst, handelst du nur allzu menschlich. Doch menschlich zu handeln ist nicht immer schlau. Um nicht zu sagen: manchmal sogar recht dumm. Wie oft hast du schon gedacht: »Oh je, hätte ich das mal lieber (so) nicht gesagt.«

    Nimm dir also im Streitfall ein paar Sekunden. Betrachte sie nicht als lästige Zeitverschwendung, sondern als intelligente Risikominimierung. Wenn es dir gelingt zu entschleunigen, lernst du dich selbst besser kennen und erfährst, worum es wirklich geht. Und dieser Erkenntnisgewinn trägt dich auch durch die nächsten Phasen des Anti-Ärger-Modells. Deeskalieren und Analysieren – mehr gibt es gerade nicht zu tun. Hast du dafür vier bis fünf Sekunden Zeit?

    Angst vor Zeitdruck

    Du fragst dich jetzt vielleicht: »Wie um alles in der Welt soll ich in vier bis fünf Sekunden das gesamte Programm der beiden Phasen Deeskalieren und Analysieren durchspielen?« – Ja, du hast recht, zu Beginn wirst du wohl länger brauchen. Doch wenn dich das nicht abschreckt und du dranbleibst, also konsequent bei jedem Konfliktangebot diese beiden eher langsamen und stillen Phasen durchläufst, wirst du feststellen, wie schnell sich deine Wahrnehmung und dein Verstehen verbessern. Es ist wie im Sport oder beim Erlernen einer Fremdsprache: Regelmäßiges Üben führt zum Erfolg. Und Konflikte werden dir ja von morgens bis abends genug angeboten. Es gibt also reichlich Gelegenheit.

    Bevor wir uns demnächst den acht Konfliktursachen zuwenden, noch zwei wichtige Infos vorab:

    Ich habe ein recht alltägliches Beispiel gewählt: Ein Pärchen hat gerade zu Mittag gegessen und streitet nun über das Geschirr. Genauer: Was damit zu machen ist. Diese vergleichsweise einfache Alltagssituation eignet sich prima für die Vermittlung der acht Konfliktursachen. Mein Ziel ist es, dir an stets demselben nachvollziehbaren Beispiel alle acht Ursachen aufzuzeigen, damit dir die jeweiligen Unterschiede schnell einleuchten.

    Die eine oder andere Konfliktbeschreibung kann dennoch etwas konstruiert wirken. Möglicherweise ist dir Ähnliches noch nie passiert und du denkst: »Was ist denn das  für ein Quatsch mit Soße? So verhält sich doch niemand.« Dieser Einwand ist sicher nicht ganz von der Hand zu weisen. Doch es geht hier nicht allein um Realitätsnähe, sondern vor allem um deine (zukünftige) Differenzierungskompetenz. Deshalb lautet meine Bitte an dich: Lass gedanklich sämtliche Konstellationen zu und achte besonders auf die feinen konzeptionellen Unterschiede zwischen den acht Konfliktursachen. Dann fällt es dir später leichter, dieses profane Beispiel aus dem Alltag auf alle noch so komplexen Zusammenhänge zu übertragen. Denn das ist die Hauptaufgabe des Küchenbeispiels: Alle acht Konfliktursachen klar abgrenzbar voneinander aufzuzeigen und sie auf alle möglichen Fallstricke des beruflichen und privaten Alltags übertragbar zu machen.

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