Der Videokamera-Trick

04.06.19 10:30 By Philipp Karch

Wenn du die Welt immer nur als Mensch betrachtest, wirst du bewerten, was das Zeug hält und leiden wie ein Hund.

Wenn du jedoch manchmal so tust, als wärest du eine Videokamera, dann ziehen die zahlreichen Konfliktangebote einfach so an dir vorbei.  

Daher die Frage an dich: Bewertest du noch oder beobachtest du schon? Es liegt allein an dir, wie oft du Ärger erzeugst.

Erwartungen führen zu Abhängigkeiten und ...

... Abhängigkeiten führen zu Enttäuschungsrisiken.

Mit dieser Erkenntnis aus dem letzten Blogbeitrag kannst du dich ab heute ganz bewusst und konsequent entscheiden: Sowohl für ganz bestimmte Erwartungen und damit für Abhängigkeiten und Enttäuschungsrisiken als auch gegen bestimmte Erwartungen und damit gegen Abhängigkeiten und gegen Enttäuschungsrisiken. Du hast die Gelegenheit, einen für dich passenden Mix aus Erwartungen und Nicht-Erwartungen herzustellen.

Wie wirst du dich entscheiden – an welchen Erwartungen wirst du festhalten und welche loslassen? Und was sind deine Kriterien für das Bewerten bzw. das Beobachten?

Beobachtungen vs. Bewertungen

Dass Beobachtungen und Bewertungen nicht das Gleiche sind, dürfte jedem klar sein. Was viel schwerer fällt: Im Alltag zwischen beiden sauber zu unterscheiden. Ohne es zu merken, verlieren wir uns oft in (abwertenden) Bewertungen statt auf der Ebene (neutraler) Beobachtungen zu bleiben.

Drei Beispiele: Niemand kann "grimmig" gucken (= Bewertung), höchstens die Stirn in Falten legen (= Beobachtung). Niemand kann "arrogant" sein (= Bewertung), höchstens seit fünf Minuten ausschließlich über seine eigenen Erfolge sprechen. Und niemand kann andere "verletzen" (= Bewertung), sondern lediglich jemand anderen wiederholt unterbrechen (= Beobachtung). Wer ganz bewusst immer Mal wieder zur Videokamera metamorphisiert, kehrt von der Bewertung zur Beobachtung zurück und lässt hierdurch den Ärger hinter sich. 

Doch wann empfiehlt sich dieser bewusste Perspektivwechsel?

Wenn Bewertungen sinnvoll erscheinen

Bei wiederkehrenden Ereignissen mit einer signifikanten Relevanz für deinen Seelenfrieden, zum Beispiel: Dein Chef verdreht in fast jedem Meeting die Augen, wenn du etwas sagst oder deine Kollegin geht dir permanent aus dem Weg. Begrüße (!) ganz bewusst die bei dir entstandene Benachteiligung, stelle dich dem Gefühl der Enttäuschung und finde (neue) Wege, die Ungerechtigkeit zu beenden.

Wenn eher Beobachtungen sinnvoll sind

Bei einmaligen und eher unbedeutenden Ereignissen, zum Beispiel: Ein Unbekannter rempelt dich in der S-Bahn an oder dein Chef schlägt Bowlen als Betriebsausflug vor. Beobachte deine Umgebung, als wärest du eine Videokamera, die keine Bedeutungen und keine Emotionen kennt; betrachte den Unterschied als das, was er ist - ein bloßer Unterschied ohne Tragweite.

Proaktiv vs. reaktiv

Wie kannst du mit deinen Erwartungen umgehen? Und zwar mit den dir bekannten und den (noch) unbewussten? Gehe proaktiv mit den bekannten Erwartungen um und reaktiv mit jenen, sobald sie dir bewusst werden:

  • Der proaktive Ansatz: Möglichst viele deiner bewussten Erwartungen dauerhaft loslassen, um das Risiko für künftige Enttäuschungen zu minimieren. Dazu entschließt du dich, bevor Konfliktangebote eintreten.
  • Der reaktive Ansatz: Möglichst viele deiner zunächst unbewussten Erwartungen dauerhaft loslassen, um das Risiko für erneute Enttäuschungen dieser Art zu minimieren. Dazu entschließt du dich, nachdem reale Konflikte eingetreten sind, denn erst dann sind die zuvor unbewussten Erwartungen sichtbar geworden.
VIDEO

Von der Bewertung zurück zur Beobachtung. Aus der Sicht eines Gorillas.

HÖRBUCH

Du willst dir das Ganze noch Mal in Ruhe anhören? Dafür findest du hier das HÖRBUCH.

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  • 02_Kap2.3_Beobachtung-vs-Bewerten
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Fazit & Ausblick

„Als wäre die Welt so einfach“, denkst du dir jetzt vielleicht. Und ja, vielleicht wirst du die meisten Konflikte tatsächlich auflösen können, aber was machst du mit dem Rest? Mit jenen Konflikten, die du sogar begrüßt (!), weil du nicht einfach nur beobachten, sondern eben auch bewerten willst. Weil du an deinen Kernwerten festhalten möchtest. Oder weil zu viel auf dem Spiel steht und du Andere nicht über dich bestimmen lassen willst.

In diesen Fällen wirst du Verhaltensweisen von Anderen ganz bewusst bewerten und den entstehenden Ärger auch begrüßen: „Klar, wenn ich bewerte – und ich will hier bewerten – dann ist mir klar, dass Ärger dazu gehört.“ Du wirst in diesen Fällen innerlich also „Ja“ zum Konflikt sagen. Und trotzdem den Ärger letztlich nicht haben wollen, obwohl du ihn gerade noch begrüßt hast.

In diesen Fällen brauchst du etwas Anderes als die bloße Unterscheidung zwischen Bobachtung und Bewertung. In diesen Fällen ist das Anti-Ärger-Modell genau das Richtige. Im nächsten Blogbeitrag erfährst du, wie du in fünf Phasen jenen Ärger loswerden kannst, der sich nicht einfach so „wegbeobachten“ lässt. 

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